Ästhetische Expressivität:
Benedetto Croce liest Friedrich Schleiermachers Ästhetik 미적 표현성:
베네데토 크로체의 프리드리히 슐라이어마허 미학 읽기
Dr
.Holden Kelm /
Berlin-
BrandenburgischeAkademiederWissenschaften홀덴 켈름 / 독일 베를린-브란덴부르크 학술원 연구원
Ⅰ.
EinleitungⅡ.
CrocesInterpretationvonSchleiermachersÄsthetikⅢ.
CrocesInterpretationinderkritischenAnalyse1
.
ZurÜberlieferung2
.
ZumVerhältnisvonEthikundÄsthetik3
.
ZurBedeutungderkünstlerischenProduktivität4
.
ZurBedeutungderSpracheⅣ.
Fazit국문 초록
이 연구는 베네데토 크로체가 프리드리히 슐라이어마허의 미학강의를 수용한 바를 살펴본다. 크로체는 소수의 건설적인 비평가 가운데 한 사람으로서, 슐라이어마허의 미학을 그 전체 시기의 가장 주목할 만한 것으로 간주하며, 자신의 저서 『표현학과 일반 언어학으로서의 미학』에서 “직관적 인식(intuitiverecognition)” 개념을 통해 정초했던
‘미적 표현성’의 개념에 대한 접근법을 슐라이어마허의 미학 속에서 찾는다. 이 연구에서는 크로체가 슐라이어마허 의 미학의 놀라운 견해를 어떻게 개진하는지의 물음에 답하기 위해 첫째 크로체의 직관 개념의 핵심을 제시하며, 그 런 후 슐라이어마허 미학의 기조를 강조하면서 이 개념을 최근 연구들의 조명 하에서 고찰한다.
핵심어|개별적 활동성, 미적 표현성, 미학, 슐라이어마허, 언어, 윤리학, 직관적 인식, 크로체
ABSTRACT
This article examines the reception of Friedrich Schleiermacher’s Lectures on Aesthetics by Benedetto Croce. As one of his few constructive critics, Croce considers Schleiermacher’s aesthetics to be the most remarkable of its entire epoch and sees in it approaches to a conception of aesthetic expressivity, which Croce founded in his Aesthetics as Science of Expression and General Linguistic with the concept of “intuitive recognition.” To answer the question of how Croce brings forth this astonishing view of Schleiermacher’s aesthetics, this article first presents the key points of Croce’s interpretation and then examines them in the light of current research, emphasizing the basic lines of Schleiermacher’s aesthetics.
Key Words|aesthetics, aesthetic expressivity, Croce, ethics, individual activity, intuitive recognition, language, Schleiermacher
Ⅰ. Einleitung
Der1866geboreneunddielängsteZeitseinesLebensinNeapelwirkendeBenedetto Croce warnichtnur mit der italienischen Geistesgeschichteeng vertraut
,
sondern hegteaucheinspeziellesInteressefürdiedeutschsprachigeLiteraturundPhilosophie.
DazuangeregtbereitsinjungenJahrenundnochweitvordenbeidenWeltkriegenu.
a.
durchseineBrieffreundschaftmitGiovanniGentileoderAntonioLabriola,
interessierte sichCroce besondersfür dieästhetische,
historische undpolitische Philosophievom späten18.
biszumfrühen20.
Jahrhundert.
1SeineLektüreerstrecktesichdabeizunächst aufdieSchriftenvon Karl Marxundwechselte dannzu Hegel undzum deutschen Idealismusbzw.
zurklassischendeutschenPhilosophie,
derenverschiedenemiteinander verflochteneDenkerundDenkrichtungen erwiekaum einandererseinerGeneration studiertund bekannt gemachthat.
Croceverstand es nämlich einenbinationalen Wissenstransferzu ermöglichen,
nicht nurdurcheinschlägigePublikationen,
sondern auchdurchÜbersetzungen,
wie etwadervon Jean PaulsSiebenkäs
oderauchvon HegelsEnzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse,
womiteran dieÜbersetzungsarbeiteinesAugustoVeraanknüpfte.
AndererseitssetzteCroceauchim deutschsprachigenRaumImpulse,
insbesonderedurchseinBuchLebendiges und Totes in der Philosophie Hegels
von1907,
dasbereits1909indeutscherÜbersetzungerschienunddieErforschung der PhilosophieHegels undseiner Zeitgenossen zu einer Zeit befruchtete
,
alsetwaauchHermanNohlsHegels theologische Jugendschriften
erschien.
2 Als ein Resultat seiner Studien der deutschen Klassiker kann Croces 1902 veröffentlichtesBuchPhilosophie als Wissenschaft des Geistes
angesehenwerden,
dessenersterBandausschließlichderÄsthetikgewidmetistunddenTitelträgt: Ästhetik als Wissenschaft des Ausdrucks und allgemeine Linguistik.
3 ImhistorischenTeil,
der1. Karl Egon Lönne, Benedetto Croce. Vermittler zwischen deutschem und italienischem Geistesleben (Tübingen und Basel: Francke A. Verlag 2002), S. 8.
2. Benedetto Croce, Ciò che è vivo e ciò che è morto della filosofia di Hegel (Bari: Laterza 1907).
3. Croce, Estetica come scienza dell’espressione e linguistica generale (Milano/Palermo/Napoli: Sandron Verlag 1902). Die erste deutsche Übersetzung erschien bereits 1905 mit dem Titel: Ästhetik als Wissenschaft des Ausdrucks und allgemeine Sprachwissenschaft. Diese Ausgabe wird im Folgenden zitiert.
auf einentheoretischen Teil folgt
,
erörtert Croce zunächstantike,
mittelalterliche und cartesianischeAnsätze derKunsttheorie,
bevorerausführlich die Philosophie vonGiambattista Vicodarstellt,
den erim GegensatzzuBaumgarten alsden‘
wahren Entdeckerderästhetischen Wissenschaft’
positioniert,
umdann imAnschluss andie Aufklärungsästhetik ausführlich aufKantsKritik der Urteilskraft
undderen Folgen einzugehen.
Indiesem KontextuntersuchtCroce sowohldieVerbindungen Kantszu Schilleralsauch dasVerhältnisvon idealistischer(
Fichte)
und romantischerÄsthetik(
FriedrichSchlegel,
Tieck,
Novalis).
AnschließendskizziertCrocedieKunstphilosophien vonSchelling,
Solgerund Hegel,
dieerwiedienachkantische Ästhetikinsgesamt,
als einen“
metaphysischen Idealismus”
kritisiert.
Die grundlegendeGemeinsamkeitder ÄsthetikenvonSchelling,
SolgerundHegelliegenämlichdarin,
dassihreKunsttheorien in einem“
Mystizismus”
gipfeln,
denCrocealseine Folgedes“
Baumgartenianismus”
bezeichnet,
dem bereits Kants Ästhetik verfallen sei.
4 Entsprechend kritisch ist CrocesUrteilüberdiese Epoche,
diemitHegelsTheorem vomEndederKunstihren konzeptuellen Abschluss gefunden habe: “
Die Romantik und der metaphysische IdealismushattendieKunstsohocherhoben,
sohochindieWolkenfliegenlassen,
daß siezuletztnotwendig erkennenmußten,
daßsieindiesen hohenRegionenzu nichts mehrnützewar.”
5DieseantimetaphysischeHaltungistaufgrundvonCrocesmaterialistischenAnsichten aber vielleichtweniger verwunderlichals der Sachverhalt
,
dass ernachfolgend ein ganzesKapitelder ÄsthetikvonFriedrich Schleiermacher widmetundsie damitaus demromantisch-
idealistischenKontextheraushebt.
Gleichzu Beginndieses Kapitels behauptetCroce,
die ÄsthetikvonSchleiermacher seieine der“
mindest beachteten,
abersicherlich diebeachtenswertestejenerphilosophischenEpoche”.
6CrocesAnsicht stehtdamitqueretwazudervonWilhelmDilthey,
derSchleiermachereinmalalsden,
“
ÄsthetikerderRomantik”
bezeichnethat.
7NunistSchleiermachersÄsthetiknichtnur 4. Croce, Ästhetik (vgl. Anm. 3), S. 263, 288, 291-292.5. Croce, Ästhetik (vgl. Anm. 3), S. 293.
6. Croce, Ästhetik (vgl. Anm. 3), S. 303.
7. Wilhelm Dilthey, Leben Schleiermachers, 2. Bd., Schleiermachers System als Philosophie und Theologie, aus dem Nachlass von W.
Dilthey, hg. v. Martin Redeker (Göttingen: Vandenboeck & Ruprecht 1966), S. 443.
zuBeginndes20
.
Jahrhunderts,
sondernbisheutewenig―
undvielleichtauchzuwenig―
beachtetworden:
IhreRezeptionerfolgteweitgehendimSchattenderÄsthetikKants,
SchellingsundHegels.
AberauswelchenGründenundaufgrundwelcherInterpretation kommtCrocezudemUrteil,
SchleiermachersÄsthetikseidie‘
beachtenswerteste’
ihrer ganzenEpoche?
Umdieser Frage nachzugehen,
möchte ich im Folgendenerstens
einigeKernpunktevonCrocesInterpretationerörtern(
1),
umdieseInterpretationdannzweitens
imLichtderaktuellenSchleiermacherforschungzudiskutierenunddabeidieGrundlinienvonSchleiermachersÄsthetikherauszustellen
(
2).
Ⅱ. Croces Interpretation von Schleiermachers Ästhetik
ImKapitelzuSchleiermachersÄsthetikerläutertCroceeinleitendderenÜberlieferung
:
Schleiermacher hielt 1819,
1825 und 1832/
33 Vorlesungen über die Ästhetik an derBerliner Universitätundplanteangeblich auch,
sie alsBuchzu veröffentlichen,
woranihnaber seinplötzlicherTod 1834 gehinderthabe.
Eshandelt sichalsoum eineposthume Publikation,
dieSchleiermachers Schwiegersohn und Schüler Carl LommatzschimRahmenderSämmtlichen Werke
1842alsVorlesungen über die Ästhetik
herausgegebenhat.
8 Anders alsdieerstrelativ spät im19.
Jahrhundert einsetzende,
vereinzelteundgrößtenteilspolemische Rezeptionetwa durch Robert Zimmermann oder Eduard von Hartmann,
siehtCroce inSchleiermachers Ästhetikzwar einige UnklarheitenundWidersprüche,
zugleichabereinengroßenVorteilgegenüberanderen zeitgenössischen Ästhetiken,
der darin liege,
dasssie diesevon‘
metaphysischem Überbau’
befreithabeunddabeieine“
kraftvolle”
und“
wahrhaftwissenschaftlicheund philosophischeMethode”
zurAnwendungbringe.
9Zu denanschlussfähigsten MerkmalenvonSchleiermachersÄsthetikzählt Crocedie 8. Friedrich Schleiermacher, Vorlesungen über die Aesthetik. Aus Schleiermachers handschriftlichem Nachlasse und aus nachgeschriebenen
Heften, hg. v. Carl Lommatzsch (Berlin: G. Reimer 1842) (Sämmtliche Werke, Abt. III, Bd. 7).
9. Croce, Ästhetik (Anm. 3), S. 304. Vgl. Robert Zimmermann, Geschichte der Ästhetik als philosophischer Wissenschaft (Wien: Braumüller 1858), S. 606-609. Eduard von Hartmann, Die deutsche Aesthetik seit Kant, in: Eduard von Hartmann, Ausgewählte Werke. Zweite Ausgabe. Bd. III. Aesthetik, Erster historisch-kritischer Theil (Leipzig: Haacke 1886), S. 156-169.
VerankerungderKunst immenschlichenGemeinschaftslebenimRahmender
“
Ethik”,
die Schleiermachers‘
Philosophiedes Geistes’
darstelle.
Aufgrund dieser ethischen Fundierung betrachte Schleiermacherdie Kunst als eineindividuelle Tätigkeit
in HinblickaufdieProblematik,
wieansichunübertragbareGefühleausgedrücktwerden können.
Kunst alseineindividuelleGefühlsdarstellungerfolge nachSchleiermacher ineinersymbolischen Weise
und seidemallgemeinenSymbolisieren,
dasetwainder PhilosophiedurchdieSprachevollzogenwerde,
relativentgegengesetzt.
NichtnäheraufdenUnterschiedvonEthikundÄsthetikeingehend
,
verdeutlichtCroce des Weiteren,
dass SchleiermachersFokusnicht aufder Rezeption,
sondern aufderEntstehung eines Kunstwerks
liege.
DabeiimplizierediekünstlerischeTätigkeiteinenAkt derBesinnung,
weshalbdieKunsterzeugungalseinegeistigeAktivitätzuverstehensei,
gegenüberderdieäußereDarstellungdesKunstwerkseinenzwarnotwendigen,
fürden InhaltabernichtwesentlichenAktbedeute.
IndemSchleiermacherdenAusgangspunkt derKunstin diefreie Produktivitätdesunmittelbaren Selbstbewusstseinsgelegthabe,
diesichvonmechanischenoderzweckgerichtetenTätigkeitenunterscheide,
habesich dieserzugleichvonsensualistischenundreligiösenErklärungenderKunstemanzipiert.
10Nach diesen meist referierenden und mit Zitaten operierenden Ausführungen kommtCrocezueinemPunkt
,
derfürseine Interpretationentscheidendist,
indemer hervorhebt,
dass derKünstlernachSchleiermachermitMitteln operiere,
die ansich nicht fürdieHervorbringungeineseinzelnenKunstwerks geeignetseien:
nämlichdie Mittel der Sprache,
womit Croce direkt aufSchleiermachers Poetologierekurriert.
DarinwerdedieseSchwierigkeitaufgrunddesGegensatzesvonPoesieundPhilosophie erörtert:
Weilpoetische Produktionen überwiegend dasmusikalische Element der Sprache verwenden,
d.
h.
Wohlklang,
Rhythmusund Metrik,
um ein Individuelles bildhaftdarzustellen,
näheresichdiePoesietendenzielldemsingulärenBild
an,
während philosophische Produktionen dieSpracheüberwiegend inihrem logischenElement verwendenundsiedamitdermathematischen Formel
annähernwürden.
11SchließlichkommtCroceaufdie
“
Fehler”
vonSchleiermachersÄsthetikzusprechen 10. Croce, Ästhetik (Anm. 3), S. 307.11. Croce, Ästhetik (Anm. 3), S. 311.
undbeklagtnebenmetaphysischenRestenwiederAufstellungvon
“
IdealenundTypen”
einenur mangelhaftreflektierteempirischeAnsicht derindividuellen Differenz.
Der Kardinalfehler von SchleiermachersÄsthetikliege aber darin,
dasssie nicht zeigen könne,
dassdie künstlerischeTätigkeitmitdersprachlichenTätigkeitidentisch sei.
12 Hierdeutetsich CroceseigenertheoretischerAnsatzdes sprachlichenAusdrucksan,
deneralsgleichursprünglichundidentischmitdemästhetischenAusdruckbetrachtet.
DieseIdentität führt Croce imtheoretischen Teil seinerÄsthetik
aufdie“
intuitive Erkenntnis”
zurück,
diederlogischen Erkenntnisimmervorausgeheundgegenüber dieserauchautonomsei.
InsoferndieintuitiveErkenntnismitdenMittelnderPhantasie operiereundalseineästhetischeExpressivitätdargelegtwird,
basierennachCrocealle künstlerischenDarstellungenaufihr.
13Zusammenfassend kanngesagtwerden
,
dassCrocedenKernvon Schleiermachers Ästhetikin der Beantwortung der Frage sieht:
Wie entstehtein Kunstwerk?
Nach CrocewirdderKunstbeiSchleiermacherdabeieinegrundlegendethischeBedeutung beigemessenundals eine freieProduktivität des unmittelbaren Selbstbewusstseins begriffen.
Besondershebt Croce hervor,
dass Schleiermacher dieEntstehung eines Kunstwerksalseinevollständiginnerlicheundgeistigebetrachtet,
währenderkritisiert,
dassSchleiermacher dabeidieIdentität dergeistigenAktivitätderkünstlerischenund dersprachlichen Expressionnichthinreichenderkannt habe.
Wasistnunvondieser InterpretationCroces,
die hiernur in sehrverkürzter Formwiedergegeben werden konnte,
zuhalten?
Ⅲ. Croces Interpretation in der kritischen Analyse
1. Zur Überlieferung
Schleiermacher hielt tatsächlich dreimal Vorlesungen über die Ästhetik
,
die er nichtselbst alsBuch veröffentlicht hat.
Vonden drei Vorlesungenenthält dievon Croceverwendete Lommatzsch-
Edition(
1842)
allerdings nur die letzteVorlesung 12. Croce, Ästhetik (Anm. 3), S. 312.13. Croce, Ästhetik (Anm. 3), S. 1-8.
von 1832
/
33,
diealleinaufgrundvon Vorlesungsnachschriftenwiedergegeben wird,
womit umfangreiche eigenhändige Manuskripte Schleiermacherszu den früheren Vorlesungenfehlen.
DieersteEdition,
diedieseManuskripte Schleiermachersenthält,
erschienallerdings erst1931―
CrocekonntesiezumZeitpunktder hieruntersuchten Interpretationalsonichtkennen.
14 Allerdings hätteCroce Unterschiedezwischenden frühenund denspätenManuskripten,
insbesonderezwischendenVorlesungen1825 und1832/
33feststellenkönnen,
voralleminHinblickaufdieveränderteTerminologie.
WeilSchleiermacher seineVorlesungen oftmals alseinwork in progress
gestaltete undim FallderÄsthetikkeineeigenhändige Publikationerstellthat,
sosind beider Textzeugenauswahl nicht nurdieVorlesungsmanuskripte Schleiermachers,
sondern auch die Vorlesungsnachschriften der verschiedenen Jahrgänge von besonderer Bedeutung.
AndiesemPunktzeigtsichzugleichdieBedeutungunddieProblematikder TextsorteVorlesung:
Währendunsere heutigenKenntnissederklassischendeutschen ÄsthetikohneVorlesungseditionen kaumdenkbarsind,
wirdoftmalsübersehen,
wie diese Editionenzustande kamen,
welche editorischen Kriterien verwendet wurden,
insbesondere in Hinblick auf dieAuswahl der Textzeugen.
Die Erstedition von Schleiermachers Ästhetik hat imKontext der Schleiermacherforschungbis ins 20.
Jahrhundert hineineinekanonische Wirkungentfaltet,
obwohl siehinsichtlich des editorischenVerfahrens(
zumindestnachheutigenMaßstäben)
unzureichendist.
Damit hatsieeinähnlichesSchicksalerfahren,
wieHegelsVorlesungenüberdiePhilosophie derKunstinderHotho-
Edition,
wenngleichdieseweitausbreiterrezipiertwurde als Schleiermachers Ästhetikin derLommatzsch-
Edition undinzwischen auchin ihrer Eigenbedeutunganerkanntwird.
1514. Vgl. Friedrich Schleiermachers Ästhetik, im Auftrage der Preussischen Akademie der Wissenschaften und der Literatur- Archiv-Gesellschaft zu Berlin nach den bisher unveröffentlichten Urschriften, hg. v. Rudolf Odebrecht (Berlin:
Walter de Gruyter 1931). Croce, “L'esthétique de Schleiermacher”, in: Revue de métaphysique et de morale, Nr. 41 (1934), S. 327-341. Hierbei geht Croce allerdings auf die neue Edition von Odebrecht ein, jedoch ohne seine Schleiermacherinterpretation aus der Ästhetik von 1902 grundlegend zu revidieren.
15. Vgl. Birgit Sandkaulen (Hg.), G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik (Berlin: Walter de Gruyter 2018 [Reihe:
Klassiker auslegen]).
2. Zum Verhältnis von Ethik und Ästhetik
Wie aus den bekannten Manuskriptenzu Schleiermachers
Vorlesungen über die philosophische Ethik
deutlichwird,
schätztCrocediefundierendeBedeutungderEthikfürSchleiermachersÄsthetikrichtigein
.
ImRahmenseinerEthiknimmtSchleiermacher diegrundlegendeEinteilungdervernünftigenFunktionenvor:
Diesymbolisierenden
und dieorganisierenden
Tätigkeiten,
mittelsdererdienochnichtvonmenschlicherVernunft durchdrungeneNatur in eine vernünftige Organisation transformiert werden soll.
KunstbestimmtSchleiermacher indiesemRahmenalseinesymbolisierendeTätigkeit,
durchdiedasindividuelleGefühl dargestelltwird.
GeradeweildasGefühl nichtdirekt mitteilbarist,
wirdKunstalseinesymbolischeoderauchindirekteFormseinerMitteilung bestimmt,
diemitnicht-
diskursivenMittelnoperiert,
insbesonderemitGesichtsmimik,
körperlichenGestenoder Sprachmimik.
Kunstals symbolische Gefühlsdarstellung sollihren Anteil an dem ethischen Prozess haben,
indem sie die menschlichen InteraktionenundAusdrucksformendurchindirekteFormenderMitteilung sublimiert,
daswechselseitigeVerständnisfördertunddamitsozialeBeziehungenund Geselligkeit ermöglicht.
Indiesem ethischenSinnhatSchleiermacher dieKunstbereitsimEthik- Brouillon von 1805/06
betrachtetundbehauptet, “
alleMenschensindKünstler”.
16Allerdings wird imRahmender Ästhetik ein Unterschied zwischender Kunst als GefühlsausdruckunddereigentlichenKunstproduktiondeutlich
,
aufdenCrocenicht nähereingeht.
Während einunmittelbarer alltäglicherGefühlsausdruck,
wieetwaein FreudenschreiodereineTrauermimik,
nachSchleiermacherkunstgemäß
seinkann,
aber nichtseinmuss,
erfolgeeinegenuin künstlerischeDarstellungdesGefühlsderFreude oderderTrauer beieinemSchauspieleraufgrunddes Aktesder“
Besinnung”
undist daherkeinunmittelbarerGefühlsausdruck,
sonderneinreflektierter.
17DassCrocediesen 16. Schleiermacher, Brouillon zur Ethik 1805/06, in: Schleiermacher, Werke. Zweiter Band: Entwürfe zu einem System der Sittenlehre, hg. v. Otto Braun (Leipzig: Felix Meiner 1913), S. 184: “Trennt man nun beide Seiten, so besteht die Ethisierung der Darstellung darin, daß jede Darstellung ein reines Produkt des Gefühls sei: alle Künstler sollen Genien sein. Die Ethisierung des Gefühls aber, inwiefern es ein gemeinschaftliches werden soll, darin, daß jedes Gefühl in Darstellung übergehe: alle Menschen sind Künstler”.17. Friedrich Schleiermachers Ästhetik (Anm. 14), S. 31-32. Auch in Schleiermachers Akademierede vom 11. August 1831
“Über den Umfang des Begriffs der Kunst in Bezug auf die Theorie derselben” stellt der Begriff der “Besinnung” ein grundlegendes Element seiner Kunsttheorie dar.
Unterschied
,
derauch inderLommatzsch-
Edition deutlichwird,
übergeht,
liegtwohl anderKonstruktionseinerÄsthetik,
inderdieintuitiveErkenntnisundihre(
ästhetische odersprachliche)
Expressionzusammengedachtwerden,
sodassGefühlsausdruckund Kunstproduktionqualitativnichtunterschiedensind.
183. Zur Bedeutung der künstlerischen Produktivität
SchleiermacherbringtinseinemÄsthetikentwurfvon1819denBegriffder
Stimmung
fürdie dasGefühlintegrierendeGrundlagederkünstlerischenTätigkeitinsSpiel,
die eralseinen“
DurchschnittfestgehaltenerAffectionsmomente”
bestimmt,
d.
h.
alseine Zusammensetzung mehrererGefühle,
die gegenüberdem einzelnen Gefühl relativ konstant ist.
19Die Stimmung stelltsomit eineVermittlungsebene dar zwischen der unmittelbarenGefühlserregung durchäußere Eindrückeundderreflexiven Tätigkeit desKünstlersubjekts.
Damiteine StimmungzuderHervorbringungeines Kunstwerks führen kannund nicht in eine andere übergeht oder sich darin auflöst,
muss sie nachSchleiermacher allerdingsin einebegeisterte Stimmung
übergehen,
die das KünstlersubjektzugleichindieKonditionversetzt,
einKunstwerknichtnuranzufangen,
sondern auch auszuführen und fertig zu stellen.
Die enthusiastische Stimmung bildetfür Schleiermacher auch denAnfang jedesbesonderen Kunstzweiges,
womit erseinen Anspruch einzulösen sucht,
dieEinheit des Begriffsder Kunst unddamit dieÄsthetik als Wissenschaft zubegründen. “
AlleVollkommenheit derAusführung gehört derBesonnenheit;
aberoffenbaristdasminimum derBegeisterungaucheine Unvollkommenheit,
die Begeisterungaberist nichtsandersalsdas Erregtwerden der freienProductiondurchdieStimmungalsoistsieauchansichdieselbeinallenKünsten,
dasjedesmal erneuerte Werden derbestimmten Kunstselbst ausdem allgemeinen Kunsttriebe”.
20Crocesiehtdiesen produktionsästhetischenPunktbeiSchleiermacher sehrdeutlich,
allerdingsin derterminologischmodifiziertenVersionderÄsthetikvon 18. Croce, Ästhetik (Anm. 3), S. 8. Vgl. Karl August Ott: “Rezeption und Wirkungen der Ästhetik Schleiermachers inItalien”, in: Kurt-Victor Selge (Hg.), Internationaler Schleiermacher-Kongress Berlin 1984 (Berlin: Walter de Gruyter 1985), S. 456.
19. Friedrich Schleiermachers Ästhetik (Anm. 14), S. 51-52.
20. Friedrich Schleiermachers Ästhetik (Anm. 14), S. 92.
1832
/
33,
inderan dieStelleder“
Stimmung”
das“
unmittelbareSelbstbewusstsein”
tritt undstattvoneinem“
allgemeinenKunsttrieb”
vom“
Gesamtbewusstsein”
dieRedeist.
21Croces Deutung des Schwerpunktes von Schleiermachers Ästhetik als die BeantwortungderFrage
,
wiedurch diekünstlerischeTätigkeitein Kunstwerkentsteht,
istauchinHinblickaufdieAkzentuierungdesgeistigen ZentrumsdieserProduktivität zutreffend.
Schleiermacherzergliedertdiekünstlerische Praxis
bereitsimEntwurfvon 1819formalin diedrei MomentebegeisterteStimmung,
Erfindung bzw.
Urbildung undäußereDarstellung undbezeichnetderen Abfolgealsein“
organisch werdender Stimmung”.
22Währenddie begeisterteStimmungdenImpulszum Eingehenin diese Praxisgibt,
entstehtdaseigentlicheKunstwerknachSchleiermacherinderUrbildung,
in dersichentscheidet,
welcheinhaltlicheundformaleStrukturdasKunstwerkannehmen wird.
AufgrundderUrbildungerfolgtschließlichdieäußereDarstellungdesKunstwerks,
diehandwerklichesGeschickundTalenterfordere,
umdasUrbildadäquatzurealisieren.
Auchbezüglich dieses Punktes sieht Croce richtig,
dassSchleiermacher in vielen Formulierungendarlegt,
dassdieseäußereDarstellunggegenüberderinnerenUrbildung sekundärsei.
4. Zur Bedeutung der Sprache
Schließlich stehtinFrage
,
ob CrocedieBedeutungderSpracheinSchleiermachers Ästhetikplausibel machenkann,
wasletztlichaufderenKonzeptionderDifferenzder Künstezurückführt.
Croce siehtzunächst richtig,
dass Schleiermacherder Sprache inderÄsthetikeineandere RollezuschreibtalsetwainderEthik,
wosieals Medium des allgemeinen Gedankens überwiegend in Bezug auf die Wissensproduktion thematischwird.
Inder Ästhetikhingegenwirddie Sprache hauptsächlichalsMittel derPoesiebzw.
derihrverwandtenKunstzweige wieetwaderVokalmusikbehandelt.
SomitumfasstSchleiermachersÄsthetikauchKünste,
dienicht odernicht primärmit21. Vgl. Schleiermacher, Ästhetik 1832/33. Begriff der Kunst (1831-1833), hg. v. Holden Kelm (Hamburg: Felix Meiner Verlag 2018), S. XXVI, XXXVII-XLIII.
22. Friedrich Schleiermachers Ästhetik (Anm. 14), S. 78 (Odebrecht wandelt Schleiermachers Formulierung: “organisch werden” in “Organischwerden” um).
sprachlichenMittelnoperieren
,
wieetwadiesubjektiven Künste
Tanz,
Pantomimeund Instrumentalmusikoderauchdieobjektiven Künste
Architektur,
Malereiund Skulptur.
Die Poesiestelltdabeidiehöchste Kunstformdar,
weilsie objektiveundsubjektive Momente der künstlerischen Praxis integriert.
Die Differenzder einzelnen Künste hängtnachSchleiermacherdavonab,
obdievonderStimmungausgehendeUrbildung ihreMotivestärkervondersubjektivenBewegtheitderStimmung entlehnt,
wieesbei mimischenodermusikalischenKunstwerkenderFallsei,
oderobdieUrbildungstärker vondenobjektivenMittelnder Fantasie
abhängt,
die entweder mitBildernoperiere,
wiebeidenobjektivenKünsten,
oderauchmitsprachlichenVorstellungen,
wiebeider Poesie.
BeiderBehandlungderPoesie
,
undnurdort,
stelltsichfürSchleiermacherdanndas Problem,
dasCrocehervorhebt,
nämlich,
inwiefernesmöglichist,
mitdenallgemeinen Mitteln der Spracheetwas Individuelles wieein Gedicht hervorzubringen,
so dass ein Einzelnes entsteht,
dasnicht in derselben Weise verallgemeinert werden kann,
wieeinBegriffin einemphilosophischenSystem.
23 PoesiealsSprachkunstsetztnach Schleiermacher daher eine besondere Begeisterungfür den Umgang mitSprache vorausund einkombinatorisches Talent,
ummit ihrenMitteln dasgeistige Urbildin einer individuellenWeise darzustellen,
so dassfür dieRezipierenden einerseits die auslösendeStimmungnachvollziehbarwirdundandererseitsetwasAllgemeinesineiner symbolischenundzugleichverständlichenWeisezumAusdruckkommt.
24Schleiermachernun wie Croceden
“
Fehler”
zu unterstellen,
nichtrichtig erkannt zuhaben,
dassdersprachlicheAusdruckgleichursprünglichistmitdemästhetischen Ausdruck,
liegt offenbar die Einschätzung zugrunde,
dass sich das Problem der DarstellungeinesEinzelnenmitsprachlichenMittelninSchleiermachersÄsthetikaufalle Künsteerstreckt,
wasaber―
wiegesehen―
nichtderFallist.
Croceblendetdamitdie BegründungderDifferenzdereinzelnenKünstebeiSchleiermacherweitgehendaus.
23. Vgl. Schleiermacher, Ästhetik 1832/33 (Anm. 21), S. 416-417.
24. Vgl. Schleiermacher, Ästhetik 1832/33 (Anm. 21), S. 412.
Ⅳ. Fazit
Der historischeTeilvon CrocesBuch
Ästhetik als Wissenschaft des Ausdrucks und allgemeine Linguistik
enthält―
wie eraneinerStelleauchselbsteinräumt―
keineallgemeineGeschichtederÄsthetik
,
sondernistaufdentheoretischenTeildesBuches ausgelegt,
in dem die Gleichursprünglichkeitvon sprachlichem und ästhetischem Ausdruck in der intuitiven Erkenntnis dargelegt wird.
Die Grenze von Croces Interpretationliegtsomit in ihremtheoretischen Rahmen,
denn obwohlerwichtige MerkmalevonSchleiermachersÄsthetikanhandvonZitatendeutlichmachenkann,
zeigt sichvoralleminHinblickaufdieBedeutungderpoetischenSpracheeinblinderFleck,
derzueinemVerkennenderBedeutungderMomentederkünstlerischenPraxisinBezug aufdieDifferenzdereinzelnenKünsteführt.
IndiesemVerkennen zeigtsichzugleich dasSpannungsverhältniszwischeneinertextnahenInterpretation,
dieihre Bestandteile sorgfältighistorischrekonstruiert und einordnet,
undeiner Interpretation,
dieeine kritischeAneignungdesInterpretierten aufgrundeines alternierendentheoretischen Rahmensvollzieht.
Abschließend kann Croces Ansicht
,
SchleiermachersÄsthetik sei nur‘
minimal metaphysisch’
und daher zugleich die beachtenswerteste Ästhetik ihrer Epoche somitals einstrategischesUrteil angesehenwerden,
weilerdieProduktionsästhetik Schleiermachersals einenVorläufer seinerTheorie der sprachlichenExpressionzu isolierensuchtund dabeidenKontextausblendet,
derfürihrVerständniskonstitutiv ist.
Vielederallgemeinen undbesonderenDarlegungenin seinerÄsthetik generiert Schleiermacheraus Themen,
Kontroversen undBegriffendes ästhetischenDiskurses,
dernachKantsKritik der Urteilskraft
insbesonderevonSchiller,
denSchlegel-
Brüdern undSchelling geführt wurde.
Dabei teiltSchleiermacherauch einige thematische Schwerpunktemit derÄsthetik von SolgerundHegel,
mit denenerdieerstenzwei Jahrzehnte der ästhetischenLehre an der1810 gegründeten Berliner Universität prägte.
ZudiesenThemenkönnengezähltwerden:
1.
DerkritischeAnschlussanKants Ästhetik,
diealseineGrundlagedermodernenÄsthetikbetrachtetwird.
2.
DerVersuch,
dieEinheitdes Begriffs der Kunst in Hinblick aufdieKonstitution der ÄsthetikalsphilosophischeWissenschaftzubegründen
.
3.
DieKritikdesParadigmasvonderKunst alsNachahmung der Natur,
einhergehend mit derHöherstellungdermenschlichen KunstgegenüberderNaturschönheitaufgrundderReflexivitätundfreienProduktivität.
4.
Die spannungsreiche Nähe vonKunstund Religion.
5.
Die Vorrangstellungder Poesie als einer‘
Kunst der Künste’
gegenüber den anderen schönen Künsten.
6.
Die Entgegensetzung vonantiker undmodernerKunst,
welchedieProblematikder GeschichtlichkeitderKunsteröffnet.
Trotzdieserthematischen Überschneidungen kann Schleiermachersproduktions
-
ästhetischer Ansatz,
dem eine zugleich anthropologische und epistemologische Dimensionzugrundeliegt,
alseineBesonderheitbetrachtetwerden,
dieseine Ästhetik vonanderenAnsätzenimästhetischenDiskursseinerZeitunterscheidet.
논문투고일: 2020년 12월 16일
심사기간: 2020년 12월 16일-2021년 1월 8일 최종게재확정일: 2021년 1월 9일
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